Um das Evangelium als gute Nachricht zu begreifen, muss klar sein, wovor Rettung nötig ist: Der Mensch muss erkennen, warum er Jesus braucht. Hierbei spielt das Gesetz eine wichtige Rolle, da es die sündige Natur offenbart und menschliche Selbstgerechtigkeit zerstört. Erkennt der Mensch seine Schuld vor Gott, wird ihm die Gnade umso größer.
Charles Spurgeon, John Wesley, George Whitefield, Dwight Moody, Charles Finney und Wilhelm Busch – diese Männer Gottes füllten große Versammlungen, und viele Menschen fanden durch ihre Predigten zum Glauben. Lasst uns näher auf die Botschaften dieser Prediger eingehen, um für unsere persönliche Evangelisation von ihnen zu lernen. Auffällig ist, dass sie das Evangelium stets klar und direkt verkündigten. Bei der Analyse ihrer Predigten erkennen wir schnell einen ähnlichen Aufbau: Sie thematisierten bewusst das Gesetz und das Evangelium. Sie sprachen über die Schuld des Menschen vor Gott und dessen verlorene Stellung durch diese Schuld.
Es mag sein, dass manche heute sagen würden, eine solche Verkündigung sei zu hart. Man könne so nicht zu Menschen sprechen, weil sie das Interesse an Gott verlören und erst recht nicht in die Kirche kämen. Leider vertreten viele Kirchen in der heutigen Zeit diese Auffassung. Man dürfe die Leute nicht abschrecken und müsse Kirche interessant und zeitgemäß gestalten. Doch dieser Ansatz führt dazu, dass sich die Kirchen immer mehr verbiegen und anpassen, um überhaupt Menschen in ihre Versammlungen zu bekommen. Oft wird nur von der Liebe Gottes gesprochen, während der strafende Gott kaum noch erwähnt wird. Teilweise geht dies sogar so weit, dass gesellschaftliche und politische Themen die Gottesdienste bestimmen. Es werden Klimaschutz und Offenheit für alle möglichen Lebensweisen gepredigt und sogar Gottesdienste abgehalten, bei denen eine künstliche Intelligenz die Predigt übernimmt.
Doch all das führt nicht dazu, dass sich die Kirchen, die solchen Irrlehren folgen, mit Gläubigen füllen. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen treten aus. Dort hingegen, wo das wahre Evangelium verkündet wird, kommen die Menschen zahlreich. Denn viele sehnen sich nach Wahrheit – und nicht danach, dass man ihnen nach dem Mund redet. In Galater 1,10 schreibt Paulus: „Denn rede ich jetzt Menschen zuliebe oder Gott? Oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich noch Menschen gefiele, so wäre ich Christi Knecht nicht.“
Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde, das ist ein wichtiger Schlüssel in der Evangelisation.
Wenn wir auf Männer Gottes schauen, die viele Menschen für Gott gewinnen konnten, sehen wir, dass sie nicht nach dem Mund der Menschen redeten, sondern das klare Wort Gottes predigten. Sie scheuten sich nicht, den Menschen ihre sündige Natur durch das Gesetz vor Augen zu halten, um ihre Selbstgerechtigkeit zu zerstören. „Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft wird und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen ist. Darum: Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durchs Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,19–20).
Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde, und das ist ein wichtiger Schlüssel in der Evangelisation, der leider oft nicht angewandt wird, wenn nicht über das Gesetz gepredigt wird. John Wesley sagte: „In der Hand des Geistes Gottes ist das Gesetz das große Mittel zur Überführung der Menschen von ihrer Sünde“, und George Whitefield schrieb: „Zuerst muss das Gesetz gepredigt werden, um die Seelen zu verwunden, bevor wir sie mit dem Evangelium heilen.“ Charles Spurgeon sagte dazu: „Sie werden die Gnade niemals empfangen, bevor sie nicht zittern vor dem gerechten und heiligen Gesetz.“ Diese Männer waren davon überzeugt: Wenn sie bei der Verkündigung des Evangeliums auf das Gesetz verzichteten, würden sie die Kirchen mit nicht aufrichtig Bekehrten füllen.
Warum das Evangelium ohne Gesetz keine „gute Nachricht“ ist
Stellen wir uns einmal einen Menschen vor, der zur Blutspende geht und sein Blut spenden möchte. Das Blut des Spenders wird daraufhin untersucht, ob es gespendet werden kann. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass der Spender an einer tödlichen Krankheit leidet, die ihm bald das Leben kosten wird, wenn sie nicht behandelt wird. Daraufhin wird ihm ein Medikament zugeschickt – verbunden mit der Bitte, dieses dreimal täglich einzunehmen. Der Mann ist verwirrt und versteht nicht, warum er das Medikament braucht, und nimmt es deshalb gar nicht oder nur halbherzig ein.
Stellen wir uns nun vor, es wäre anders abgelaufen: Der Arzt, der sein Blut untersucht, entdeckt die tödliche Krankheit und ruft den Mann zu sich. Er erklärt ihm, wie ernst die Krankheit ist und dass sie unbehandelt zum Tod führen wird. Er zeigt ihm die Befunde, klärt ihn ausführlich über die Krankheit auf und macht ihm den Ernst der Lage bewusst. Danach sagt er: „Es gibt ein Medikament, das Sie unbedingt dreimal täglich einnehmen müssen. Sie dürfen es nicht auslassen, sonst wirkt es nicht.“
Ich denke, dieser Mensch, dem nun die Diagnose und das Ausmaß der Krankheit bewusst geworden sind, wird unsagbar dankbar für das Medikament sein, das sein Leben retten kann. Selbst wenn es etwas kosten würde, würde er alles daransetzen, es zu bekommen. Also: erst die Diagnose, dann das Heilmittel.
Dasselbe gilt, wenn man einem nicht bußbereiten Sünder sagt, dass Jesus Christus für seine Sünden am Kreuz gestorben ist. Er wird dies als Unsinn oder sogar als Beleidigung auffassen. Denn in dieser Aussage schwingt mit, dass er ein Sünder ist. Aus seiner Sicht trifft das jedoch nicht zu. Die Bibel sagt: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit“ (1.Kor 1,18a).
Wird dem Menschen jedoch zuerst das Gesetz vor Augen gehalten, erkennt er die Diagnose: „Schuldig vor Gott“ und „Den Tod verdient“. Doch dabei muss es nicht bleiben, denn es gibt einen Ausweg – ein Heilmittel: Jesus Christus, der unsere Schuld am Kreuz auf Sich genommen hat und durch dessen Wunden wir gerettet werden. Mit dem Gesetz bricht man die harten Herzen, und mit dem Evangelium heilt man die gebrochenen Herzen. Bedauerlicherweise wird heute oft das Heilmittel gepredigt, ohne
den „Patienten“ zuvor von seiner Krankheit überzeugt zu haben. Das bedeutet: Es wird von Gnade gesprochen, ohne den Menschen vorher klarzumachen, dass sie Gottes Gesetz übertreten haben.
Das Gesetz dient als Spiegel und zeigt dem Menschen, was Sünde ist.
Biblische Funktion des Gesetzes
Das Gesetz dient als Spiegel und zeigt dem Menschen, was Sünde ist. Du kennst das vielleicht: Du hast gerade im Haus gestaubsaugt und mit einem Lappen alles von Staub befreit und denkst, dass jetzt alles sauber sei, weil kein Staubkorn mehr zu sehen ist. Dann ziehst du die Vorhänge auf und lässt die Morgensonne hineinscheinen. Was siehst du nun? Staub! Überall, auf dem Tisch und in der Luft. Hat das Sonnenlicht den Staub verursacht?
Nein, es hat ihn nur sichtbar gemacht. Paulus schreibt deshalb, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt (vgl. Röm 3,20) „Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber die Sünde hätte ich nicht erkannt als nur durchs Gesetz. Denn auch von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Du sollst nicht begehren!“ (Röm 7,7).
Das biblische Gesetz hat eine klare heilsgeschichtliche Funktion. Es ist gut und offenbart Gottes Gedanken über ein geordnetes und harmonisches Leben. Gottes Ordnung wird sichtbar, denn ohne Maßstab entsteht moralisch und gesellschaftlich Chaos. Dies zeigt sich auch in den Zehn Geboten, die vielen Menschen bekannt sind. Die Gebote lassen sich in zwei Bereiche einteilen: Die ersten vier betreffen die Beziehung zwischen Mensch und Gott, die übrigen sechs die Beziehung der Menschen untereinander. Das Gesetz ist ein Lehrmeister auf Christus hin: „Also ist das Gesetz unser Erzieher auf Christus hin geworden, damit wir aus Glauben gerechtfertigt werden“ (Gal 3,24).
Das Gesetz offenbart Gottes Charakter: „So ist also das Gesetz heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut“ (Röm 7,12).
Im Gesetz spiegeln sich Eigenschaften des Herzens Gottes wider: Heiligkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Deshalb kann der Psalmist sagen: „Wie liebe ich dein Gesetz! Es ist mein Nachdenken den ganzen Tag“ (Ps 119,97).
Paulus schreibt: „Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetzgemäß gebraucht, indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, mit Männern Schlafende, Menschenhändler, Lügner, Meineidige, und wenn etwas anderes der gesunden Lehre entgegensteht, nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut worden ist“ (1.Tim 1,8–11).
Paulus betont in diesen Versen, dass „das Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetzgemäß gebraucht“ (vgl. 1.Tim 1,8). Der rechte Gebrauch des Gesetzes besteht nicht darin, dass der Mensch sich dadurch vor Gott als gerecht darstellen soll, sondern darin, dass das Gesetz die Sünde klar benennt und abgrenzt. Deshalb sagt Paulus, dass das Gesetz „für Gesetzlose und Widerspenstige“ bestimmt ist (vgl. 1.Tim 1,9). Das Gesetz richtet sich also in erster Linie an Sünder: Es entlarvt gottloses Verhalten, schützt die Gemeinschaft und zeigt, was der gesunden Lehre widerspricht. Damit macht Paulus deutlich: Das Gesetz steht nicht im Gegensatz zum Evangelium, sondern dient dem Evangelium. Es zeigt, was Sünde ist, und macht sichtbar, wovon das Evangelium uns befreien will. Das Gesetz rettet nicht und rechtfertigt nicht – es überführt.
Das Evangelium – eine „Lebensverbesserungsbotschaft“?
Wie sieht so etwas praktisch aus?
Tatsächlich kommt es häufig vor, dass in der Evangelisation vor allem die Liebe Jesu betont wird und was Gott den Menschen geben oder für sie tun kann – beispielsweise eine kaputte Ehe wiederherstellen, aus Süchten befreien, Sorgen nehmen, Depressionen heilen oder Glück schenken. Wo liegt dabei das Problem?
Da kann rasch die Frage aufkommen – gerade von jemandem, der davon nicht betroffen ist: „Ist Jesus also nur für Menschen wichtig, die Alkoholprobleme, Eheprobleme oder Depressionen haben – also für Menschen, die unglücklich sind?“ Nein, so ist es nicht. Auch ein Mensch, der eine glückliche Ehe hat, keine Sorgen kennt und mit seinem Leben zufrieden ist, braucht Jesus genauso. Egal ob arm oder reich, krank oder gesund – jeder Mensch braucht Jesus Christus.
Zur Verdeutlichung soll folgendes Beispiel dienen: Zwei Männer sitzen in einem Flugzeug. Die Stewardess übergibt beiden einen Fallschirm. Dem ersten Mann wird gesagt, der Fallschirm werde seinen Flug angenehmer machen. Er legt ihn an, merkt jedoch schon nach kurzer Zeit, dass er unbequem ist und drückt. Dennoch trägt er ihn zunächst weiter. Irgendwann wird es ihm zu viel, weil das Versprechen, sein Flug würde verbessert werden, offensichtlich nicht eingetroffen ist. Enttäuscht legt er den Fallschirm ab.
Dem zweiten Passagier wird der Fallschirm mit einer anderen Erklärung gegeben. Man sagt ihm, dass er ihn unbedingt anbehalten müsse, obwohl der Flug dadurch unbequemer werde, denn er werde ihn brauchen, um aus großer Höhe aus dem Flugzeug zu springen. Es führe kein Weg daran vorbei – jeder müsse springen. Während des Fluges beginnt der Fallschirm auch bei ihm zu drücken und unangenehm zu werden. Doch er erinnert sich immer wieder daran, dass dieser Fallschirm ihm das Leben retten wird.

Jede Notausgangsleuchte zeigt den Ausweg im Brand an. So weist auch das Evangelium auf die Rettung vor der Verurteilung durch das Gesetz hin. Jesus Christus ist der einzige Weg zur Rettung. Bildquelle: 448403886-ambrozinio (c) AdobeStock
Rettung durch Jesus Christus
So wie der Fallschirm im obigen Beispiel den Fallschirmspringer rettet, rettet Jesus Christus uns. Wir brauchen Jesus, weil Er uns vor dem Zorn Gottes rettet (vgl. Joh 3,36). Wenn gepredigt wird, dass Jesus lediglich bestimmte Wünsche erfüllen werde, kann es geschehen, dass Menschen enttäuscht werden und sich wieder vom Evangelium abwenden, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Das Evangelium muss überall gleich verkündigt werden können. Kann man in allen Ländern und Kulturen predigen, dass Jesus das Leben verbessert? In muslimischen Ländern oder in Nordkorea könnte man kaum verkündigen, dass das Leben als Christ leichter oder angenehmer wird. Dort müssen Christen oft damit rechnen, von ihren Familien verstoßen zu werden, Nachteile im Beruf und in der Gesellschaft zu erleiden oder sogar ins Gefängnis zu kommen und getötet zu werden.
Die Botschaft des Evangeliums ist für alle Menschen dieselbe: Jeder Mensch ist vor Gott schuldig und wird einst vor Gericht stehen. „Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Hebr 9,27). Gott aber schenkt uns aus Liebe und Gnade in Jesus Christus Befreiung von unserer Schuld.
Irdisches Glück, Harmonie und Freude können Früchte eines Lebens mit Jesus sein. Sie dürfen jedoch niemals als Lockmittel dienen, um Menschen zu Gott zu führen. Es geht nicht um Lebensverbesserung oder eine höhere Lebensqualität. Es geht um die Frage der Errettung vor dem kommenden Zorn Gottes durch den Glauben an Jesus Christus – um die Anrechnung Seiner Gerechtigkeit durch Seinen Kreuzestod und Seine Auferstehung.
Der Amerikaner Daniel Everett reiste als gläubiger Missionar mit dem Ziel nach Brasilien, das Volk der Pirahã, das ist ein indigenes Volk im Amazonasgebiet, die frohe Botschaft des Evangeliums zu bringen, ihnen „wahres Glück“ zu verkündigen und ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Er stellte jedoch fest, dass die Pirahã bereits eines der glücklichsten und zufriedensten Völker der Welt waren – ganz ohne Gott, Schöpfungsmythen oder Jenseitsvorstellungen. Daraufhin ließ er von seinem Entschluss ab, ihnen die frohe Botschaft zu bringen und wurde selbst Atheist.
Dieser Mann hatte etwas falsch verstanden: Es geht nicht primär darum, den Menschen „wahres Glück“ und ein besseres Leben zu bringen, sondern um die Botschaft von Jesus, der uns, die wir in unseren Übertretungen tot sind, lebendig machen kann. Nicht unser irdisches Glück ist entscheidend, sondern unsere ewige Existenz. Vermutlich liegt hier auch ein Grund dafür, warum viele scheinbar Bekehrte nach einiger Zeit wieder enttäuscht in die Welt zurückgehen: Ihre Erwartungen wurden nicht erfüllt.
Es geht nicht primär darum, den Menschen „wahres Glück“und ein besseres Leben zu bringen, sondern um die Botschaft von Jesus, der uns, die wir in unseren Übertretungen tot sind, lebendig machen kann.
Die praktische Anwendung im Gespräch
Gott hat uns zehn mächtige „Waffen“ gegeben, um die Burg der Selbstgerechtigkeit des Menschen zu zerstören, auf welche wir zurückgreifen können. Viele Menschen beruhigen ihr Gewissen damit, dass sie sich selbst für gute Menschen halten. Genau hier setzt das Gesetz an. Es verlagert den Maßstab vom Vergleich mit anderen Menschen hin zur Heiligkeit Gottes. Jesus selbst konfrontierte Menschen mit Gottes Geboten und stellte ihnen dadurch die Wahrheit über ihr eigenes Herz vor Augen.
In der Bibel sehen wir immer wieder, dass Überführung nur dann zur Buße führen kann, wenn Gott dem Menschen die Einsicht schenkt, dass er vor Ihm schuldig ist. Man kann beispielsweise fragen: „Glaubst du, dass du die Zehn Gebote gehalten hast?“ Viele Menschen bejahen das. Dann kann man konkreter werden: „Hast du jemals gelogen?“ – „Hast du jemals etwas gestohlen, selbst Kleinigkeiten?“ Wichtig ist dabei auch die Tiefe des Gesetzes, wie Jesus sie offenbart: Gott richtet nicht nur äußere Taten, sondern auch das Herz. Begierde entlarvt Jesus als Ehebruch im Herzen (vgl. Mt 5,27–28), Hass als Mord im Herzen (vgl. 1.Joh 3,15).
Das Ziel ist ein ehrliches Schuldeingeständnis. Deshalb kann man am Ende fragen: „Wenn Gott dich am Jüngsten Tag nach den Zehn Geboten richtet – bist du dann unschuldig oder schuldig?“ Behauptet jemand: „Unschuldig!“, kann man ruhig nachfragen: „Warum?“ und nochmals auf die Gebote zurückkommen. Erkennt ein Mensch seine Schuld, ist der Weg zum Evangelium geöffnet.
Sobald das Gesetz dem Menschen wie ein Spiegel vorgehalten wird, kann Gottesfurcht entstehen. Diese Furcht ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, sondern kann heilsam sein: „Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt, und durch die Furcht des HERRN weicht man vom Bösen“ (Spr 16,6).
Als Nathan David mit dem Gesetz konfrontierte, führte die Furcht zur Buße. Ebenso lesen wir in der Apostelgeschichte, dass die Zuhörer der Pfingstpredigt von Petrus von Furcht Gottes ergriffen wurden, als sie erkannten, dass sie gegen Gottes Gebote und damit gegen Gottes Sohn gesündigt hatten und genau diese Erkenntnis führte sie zu der Frage: „Was sollen wir tun?“ und schließlich zur Umkehr (vgl. Apg 2). Die Furcht Gottes ist also nichts Schlechtes – sie ist heilsam und notwendig, damit ein Mensch den ersten Schritt weg von der Sünde geht. Dabei darf es jedoch niemals unser Ziel sein, Menschen niederzumachen oder sie mit Druck zu überführen. Das Überführen von Sünde vollbringt allein der Heilige Geist.
Wenn wir einen homosexuell lebenden Menschen für Christus gewinnen wollen, ist es wenig hilfreich, Diskussionen über seine sexuelle Verirrung zu führen. Darauf ist er meist vorbereitet und wird entsprechende Argumente vorbringen. Stattdessen dürfen wir ihm das Gesetz Gottes zeigen. Denn das Gesetz gilt für jeden Menschen. Es zeigt ihm, dass er nicht allein wegen dieser Verirrung verloren ist. Wenn wir einen Juden zu Christus führen wollen, dürfen wir ihm das Gewicht des Gesetzes vor Augen stellen, damit sein Herz – wie zu Pfingsten – für die Gnade vorbereitet wird.
Wenn wir einen Muslimen zu Christus führen wollen, können wir ihn ebenfalls zum Gesetz führen, das Mose niederschrieb, den auch Muslime als Propheten anerkennen. Wir tun dies, damit er seiner Selbstgerechtigkeit entkleidet wird und führen ihn zum blutüberströmten Kreuz.
Gesetz und Gnade richtig zusammenführen
Wir sollen die Wahrheit in Liebe predigen. Deshalb dürfen wir nicht mit dem Gesetz auf Menschen einschlagen, ihnen ihre Fehler aufzeigen, sie zerbrechen und dann sich selbst überlassen – auf keinen Fall. Das Gesetz darf nur zusammen mit der Gnade verkündigt werden, die wir durch Jesus Christus empfangen haben. Wir müssen also immer auch den Ausweg zeigen.
John Wesley schrieb einmal einem jungen Evangelisten: „Predige 90 Prozent Gesetz und 10 Prozent Gnade.“ Das mag zunächst übertrieben klingen. Ich selbst würde keine Prozentzahlen nennen. Doch denken wir noch einmal an das Beispiel mit dem Mann zurück, der die tödliche Krankheit hatte. Wie ging der Arzt vor? Zuerst stellte er die Diagnose und erklärte detailliert die Folgen der Krankheit. Danach brauchte er kaum noch viele Worte, um den Mann vom Heilmittel zu überzeugen – wenn er ihn überhaupt überzeugen musste. Wenn er zehn Minuten zitternd dasäße und sich alles anhörte, dann würde er das Medikament an Ort und Stelle hinunterschlucken. Das Wissen um die Krankheit und ihre furchtbaren Konsequenzen hätten das Verlangen nach dem Heilmittel angetrieben. Ohne Gesetz wird die Gnade billig.
Charles Finney sagte: „Fortwährend muss das Gesetz den Weg für die gute Nachricht vorbereiten.“ Und John Mac Arthur erklärte: „Gnade bedeutet nichts für einen Menschen, der nicht weiß, dass er sündig ist und dass diese Sündhaftigkeit bedeutet, dass er von Gott getrennt und verdammt ist. Es ist daher sinnlos, Gnade zu predigen, bis die unmöglichen Forderungen des Gesetzes und die Realität der Schuld vor Gott gepredigt werden.“
Wir müssen lernen, auf die Stimme des Heiligen Geistes zu hören, der uns zeigt, wie wir mit Menschen reden sollen und was sie gerade brauchen. Vielleicht ist eine Seele bereits zerbrochen und leidet unter den Folgen ihrer Sünde. In einem solchen Fall wäre es unpassend, zuerst mit dem Gesetz zu kommen. Diese Seele braucht Vergebung. Hier sollte zuerst auf Golgatha hingewiesen werden.
Es gibt kein festes Schema dafür, wie man mit Menschen reden soll. Doch dieser Artikel soll uns daran erinnern, dass das Gesetz ein vernachlässigter Schlüssel in der Evangelisation ist und wieder häufiger angewandt werden sollte. Das Gesetz ist gut – aber nicht als Rettungsweg. Es soll zur Gnade führen und niemals die Gnade ersetzen. Gott gebe uns Mut und Entschlossenheit, in der persönlichen Evangelisation zu wachsen und Seinen Auftrag zu erfüllen.
Dennis Raabe
Gemeinde Bielefeld
Alle Bibelstellen werden, wenn nicht anders ausgewiesen, nach der Elberfelder Bibel 2006 zitiert.