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Nach meiner Diagnose „Endometriose“ teilten die Ärzte mir und meinem Mann mit, dass wir ohne medizinische Hilfe Schwierigkeiten haben würden, Kinder zu bekommen. Mit Hoffnung wandten wir uns an unseren himmlischen Vater, baten um Seine Hilfe und beteten mit Ölsalbung. Früher als wir es je erwartet hätten, durften wir von unserem ersten Wunder erfahren.
Gegen Ende der Schwangerschaft wurde uns bei einer Routineuntersuchung eröffnet, dass unsere Tochter an einem schwerwiegenden Herzfehler, dem hypoplastischen Linksherzsyndrom, litt. Bei dieser Fehlbildung ist die linke Herzhälfte, die normalerweise den Körper mit sauerstoffreichem Blut versorgt, unterentwickelt. Trotz seiner Komplexität kann dieser Herzfehler operativ behandelt werden – jedoch nur, wenn bestimmte Voraussetzungen dafür erfüllt sind.
Keinerlei Überlebenschance
Nachdem meine Frauenärztin uns über die Herzerkrankung aufgeklärt hatte, begann für uns ein scheinbar endloser Ärztemarathon. Bei einem Termin in der Praxis für Pränataldiagnostik machte ein Facharzt mir ganz nüchtern deutlich, dass unsere Tochter keine Chance hätte zu überleben. Er erklärte, ich könne die Schwangerschaft jederzeit beenden und meinte, ich würde unserem Kind damit viel Leid ersparen. Doch tief in mir war da dieses Vertrauen, dieser feste Halt. Deshalb sagte ich ihm, dass allein Gott über Leben und Tod entscheidet und ich die Hoffnung nicht aufgeben würde. Er belächelte mich nur und murmelte: „Ach, solche wie sie kenne ich!“ Seine Bemerkung traf mich, konnte mich aber in meiner Überzeugung nicht erschüttern.
Bei einem weiteren Termin in der Uniklinik in Kiel sah man bei einer MRT, dass das Blut in der Lunge unserer kleinen Tochter bereits gestaut war. Die Spezialisten setzten uns darüber in Kenntnis, dass es keine Chance für eine Operation geben würde. Trotz der schwierigen Nachrichten spürten wir in diesem Moment auch etwas Kostbares, die tiefe Liebe und Verbundenheit zu unserem Kind. Ein Band, das kein Befund und keine Prognose zerstören konnte.
Als auch weitere Ärzte die schlimme Diagnose bestätigt hatten, unterbreitete man uns den Vorschlag, unsere Tochter durch einen geplanten Kaiserschnitt zur Welt zu bringen, um sie, falls möglich, direkt operieren zu können. Allerdings gab es auch keine Gewissheit, ob unser Kind all diese Eingriffe überleben würde. In diesem Moment war für meinen Mann und mich klar: Wir wollten auf keinen Fall, dass unsere Tochter für so einen unsicheren Versuch herhalten musste. Im Gebet legten wir alles in Gottes mächtige Hände und fasteten für unsere Not. Unser Flehen war, dass Er allein über alles entscheiden und nur Sein Wille geschehen sollte. Inmitten der Unsicherheit spürten wir eine tiefe Kraft, die uns trug und die Gewissheit: Wir sind nicht allein!
Nelia kommt zur Welt
Am 20.06.2022 erblickte unsere Tochter Nelia - ohne medizinische Eingriffe - das Licht der Welt. So klein, zart und friedlich lag sie endlich in unseren Armen und wir konnten unser Glück kaum fassen: Wir waren Eltern geworden!
Nach der Entbindung wurde Nelia untersucht, und die Diagnose bestätigte sich. Der Kinderkardiologe erklärte uns noch einmal, was das bedeutete. Solange die Gefäßverbindung zwischen der Hauptschlagader und der Lungenschlagader in ihrem Herzen offen sei, würde sie leben. Doch sobald sie sich schließen würde, was im Regelfall innerhalb der ersten Tage nach der Geburt geschieht, würde sie rasch und seiner Einschätzung nach qualvoll sterben.
Zudem sah er keine Chance auf eine Operation, da die für den Blutfluss lebenswichtige Verbindung zwischen der rechten und linken Herzhälfte bei Nelia fast vollständig fehlte. Ohne diese Verbindung könne das Blut aus der Lunge nicht in den Körper gelangen. Kinder mit diesem Herzfehler würden ohne erfolgreiche Behandlung oft nur wenige Stunden leben, berichtete uns der Arzt, und Nelia würde vermutlich noch am selben Tag von uns gehen.
Nachdem wir uns etwas gesammelt hatten, durften wir zu unserer Freude unsere Tochter bei uns behalten. Anschließend wurden wir auf die Kinderstation verlegt, wo wir von Ärzten und Krankenschwestern betreut wurden. Noch am selben Abend bekamen wir Besuch von unseren Eltern und den Brüdern unserer Gemeinde. Gemeinsam beteten wir. Ich bat Gott um Seinen Willen und darum, dass Er Seine segnende Hand über uns halten möge. Plötzlich erfüllten mich ein so starker Glaube und ein tiefes Vertrauen, dass alles gut werden würde, dass vielleicht alles nur eine Fehleinschätzung der Ärzte war.
Die folgenden Stunden vergingen schnell. Das Krankenhauspersonal sah immer wieder nach uns. Nelia atmete frei und zum Erstaunen der Ärzte selbstständig. Hätte man nicht gewusst, dass wir ein Baby mit einem der schwersten Herzfehler im Arm hielten, hätte man denken können, die Kleine sei vollkommen gesund.
Können wir nach Hause?
Am nächsten Tag wurde mir jedoch alles zu viel. Die ständigen „Besuche“ von Ärzten und Krankenschwestern überforderten mich und ich fasste den Entschluss, das Krankenhaus mit Nelia zu verlassen. Das wurde uns nicht leicht gemacht. Besonders ein Arzt warf mir Verantwortungslosigkeit vor und erklärte mir noch einmal anschaulich, wie solche Kinder versterben. Doch ich war mir meiner Sache sicher und bat Gott um Seine Hilfe und um ein Zeichen, dass dies auch Sein Wille sei.
Kurz darauf wurde Nelias Sauerstoffsättigung erneut gemessen. Zuvor lag sie konstant bei etwa 40%, und stieg nach meinem Gebet unvermittelt auf 90 %. Dies sah ich als eindeutiges Zeichen, nach Hause fahren zu können. Dem Rat einer Krankenschwester folgend, fanden wir mit Gottes Hilfe einen guten Kinderarzt, der uns palliativ begleiten würde. Für mich waren dies alles keine Zufälle. Meine Überzeugung wuchs, dass Gott mit einem großen Wunder am Werk war. So fuhren wir heim.
Jetzt konnte auch unsere Familie Nelia kennen und lieben lernen. Die Zeit, die wir mit ihr verbringen durften, war ein kostbares Geschenk. Unbeschreibliche Freude erfüllte die darauffolgenden Tage. Sie wirkte trotz ihres schweren Herzfehlers oft völlig unbeschwert. Unser Kinderarzt wunderte sich. Nelias Herz schlug regelmäßig, ihre Lunge war frei und sie entwickelte sich gut. Die Spezialisten aus dem Krankenhaus waren sprachlos darüber, dass Nelia noch lebte und wollten sie aufs Neue untersuchen. Wir waren überzeugt: Gott hatte sie berührt. Er hatte ein Wunder getan!

Heute sind wir reich beschenkt mit zwei gesunden Kindern.
Die Wendung
Doch eines Tages wirkte Nelia sehr unruhig und öffnete aus lauter Schwäche ihre Augen kaum. Ein schweres Gefühl legte sich auf mein Herz. Da wir gegenüber von meinen Eltern lebten, ging ich mit unserer Tochter hinüber zu meiner Mama. Auch sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und wurde still. In dieser Stille wuchs eine Sorge in mir, die ich mir nicht erklären konnte. Ich hatte doch so fest darauf vertraut, dass Nelia gesund war. Unbewusst summte ich immer wieder Lieder von unserer Heimat im Himmel. Mit Nelia auf dem Arm schlug ich das Liederbuch auf, um ihr etwas zum Einschlafen vorzusingen. Die Seiten öffneten sich bei dem Lied: „Der Erste, den ich seh’, soll Jesus sein.“
Die Stunden vergingen, und Nelia wurde zunehmend unruhiger. Ich nahm sie in den Arm und sagte voller Liebe: „Nelia, Mama ist da.“ In diesem Moment öffnete sie ihre wunderschönen blauen Augen und sah mich ein letztes Mal an. Dann wurde sie ruhig, still und friedlich, und ihre Augen schlossen sich für immer.
Nelia ging am 07.07.2022 zu unserem himmlischen Vater heim. Gott nahm sie ohne Schmerzen und ohne Qualen zu sich. Und ich glaube von ganzem Herzen: Der Erste, den Nelia sah, war Jesus.
Die Zeit danach
Unendlich schwer war die Zeit, die darauf folgte. Jeder einzelne Tag fühlte sich an wie ein Kampf. Ein tiefer, brennender Schmerz wuchs in meinem Herzen und mit ihm kam eine Wut, ja sogar Hass auf Gott. Immer wieder stellten wir uns dieselbe Frage: Warum? Nelia hatte trotz des schweren Herzfehlers gelebt – ganz ohne medizinische Hilfe. So vieles sprach dafür, dass Gott sie geheilt hatte. Und doch hatte Er sie letztendlich zu sich genommen.
Alles, was mit neuem Leben zu tun hatte, war für mich kaum erträglich geworden. Kindereinsegnungen und ganz besonders Begegnungen mit neugeborenen Mädchen rissen die Wunde in meinem Herzen immer wieder auf. Wochen und Monate vergingen, aber in mir wollte nichts heilen. Der Groll auf Gott blieb, was mich unendlich traurig stimmte. Denn mein Vertrauen in Ihn war einst so stark gewesen.
Erst als ich begann, mich intensiver mit Nelias Herzfehler auseinanderzusetzen, änderte sich mein Blick auf das Erlebte langsam. Ich las, dass viele betroffenen Kinder auf ein Spenderherz angewiesen sind und ihre Lebenserwartung trotzdem oft nur sehr kurz ist. Mir wurde bewusst, was für ein Wunder Gott tatsächlich vollbracht hatte. Mir wurde klar: Jeder einzelne Tag mit Nelia war Gnade! Sie mit nach Hause zu nehmen, sie zu halten, versorgen und lieben zu dürfen – all das war nicht selbstverständlich, sondern ein kostbares Geschenk.
Nach langer, dunkler Zeit kniete ich mich nieder. Tränen liefen über mein Gesicht, als ich begann, Gott zu danken. Zuerst zögernd, doch dann immer mehr. Ich dankte für jeden Moment, jedes Lächeln, jeden Atemzug. Im Gebet empfing ich neue Kraft. Daraufhin kam ich Gott Schritt für Schritt wieder näher, suchte Seine Nähe im Gebet, im Fasten und im Lesen Seines Wortes. Dort, mitten in meiner Zerbrochenheit, begegnete Er mir neu.
Durch Nelia durfte ich lernen, wie groß und unbegreiflich Gottes Liebe zu uns ist. Wie oft sehen wir keinen Ausweg, verzweifeln oder murren, doch ich lernte, dass Gott alles in Seinen Händen hält, auch dann, wenn wir Ihn nicht verstehen. Unser Herz ist zerbrochen, doch wir wissen: Gott war da. In jedem Atemzug, den Nelia tun durfte. In jedem Moment, den wir mit ihr erleben konnten. Und auch jetzt in dem Schmerz, den wir ertragen müssen. Ein tiefer Trost für uns als Eltern ist die feste Gewissheit, dass unsere Tochter im Himmel ist. Das Ziel, dem wir als Christen entgegengehen, hat sie bereits erreicht. Mein Herz sehnt sich nach diesem Ort, nach der Ewigkeit bei Gott und nach dem Tag, an dem wir uns wiedersehen. Bis dahin gehe ich weiter im Vertrauen darauf, dass Gott selbst aus tiefstem Leid neues Leben wachsen lässt.
Katharina Schröder
Gemeinde Bassum