Podcast: Download (Duration: 26:52 — 18.4MB)
Zu den zentralen Lehren Jesu gehört die Bergpredigt. Sie beginnt mit den Seligpreisungen, die das Gesetz nicht neu erklären, sondern eine Anleitung zu einem veränderten, glückseligen Leben für alle ist, die durch Gottes Gnade zu Christus gehören.
Die Bergpredigt beschränkt sich nicht auf äußere Verbote wie „du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen“. Für einen Christen ist klar: Wer nach dem Geist lebt, tut solches nicht. Jesus legt den Finger tiefer auf das Herz und setzt den Maßstab viel höher an unser Wesen. Damit wird auch das eigentliche Ziel umfassender: nicht nur die äußere Erfüllung der Gebote, sondern Christusähnlichkeit (vgl. 1.Kor 15,45–49).
Wenn Jesus „selig“ (gr. makarios) sagt, gebraucht Er einen Ausdruck, der im biblischen Zeugnis eine doppelte, eng miteinander verbundene Bedeutung trägt.Zum einen meint „selig“ glückselig. Gemeint ist ein Zustand, in dem ein Mensch wahrhaftig glücklich zu preisen oder beglückwünschenswert ist. So beginnt auch der erste Psalm mit „Wohl dem“ (hebr. aschar), der hebräischen Entsprechung des Wortes „selig“. Der Mensch wird nicht wegen äußerer Umstände glücklich genannt, sondern wegen seiner Stellung zu und seiner Verbundenheit mit Gott, seiner treuen Nachfolge und aufrichtigen Suche nach Ihm. Psalm 1 beschreibt einen Menschen, dessen Leben im Licht des Wortes Gottes steht und der darum als gesegnet und glücklich zu preisen gilt.
Zum anderen bedeutet „selig“ gerettet. Es wird im Neuen Testament auch im Sinne von heilen, retten und erlösen gebraucht (vgl. 1.Kor 1,18). Der Apostel spricht von solchen, die selig werden, und meint damit diejenigen, die zum Heil gelangen. Dieses Heil ist nicht das Ergebnis menschlicher Weisheit oder Leistung, sondern der Kraft Gottes für die Glaubenden.
Beide Bedeutungen gehören untrennbar zusammen. Die wahre Glückseligkeit des Menschen liegt in seiner Rettung durch Gott. Die Seligkeit, von der Jesus spricht, ist kein menschlich erzeugtes Glück, sondern ein Geschenk des Herrn an die Glaubenden. Sie gründet in der Erlösung und führt in ein Leben, das reich, erfüllt und gesegnet ist.
Das Leben aus der Beziehung zu Christus
Die Seligpreisungen stehen nicht zufällig am Anfang der Bergpredigt. Ihr innerer Aufbau steht in einer bewussten Beziehung zu den Zehn Geboten des Gesetzes. Wie diese das Leben vor Gott ordnen, so zeigen die Seligpreisungen, wie dieses Leben praktisch Gestalt gewinnt. Doch sie setzen an einem anderen Punkt an. Die Seligpreisungen beginnen nicht mit den Geboten „Du sollst keine anderen Götter haben, dir kein Bildnis machen, den Namen des Herrn nicht missbrauchen und den Sabbattag heiligen.“ Das Gesetz und die Gebote sind heilig, gerecht und gut, doch sie können keine echte Gemeinschaft mit Gott hervorbringen.
Diese Gebote werden allein durch die rechte Beziehung zu Christus erfüllt. Wie sich ein Mensch zu Christus verhält, so verhält er sich zu Gott, und so wird sich auch das praktische Leben in diesen Geboten gestalten.Die Seligpreisungen umfassen deshalb sowohl unser Verhältnis zu Christus als auch unser Verhältnis zu allen Menschen. Wer Christus recht begegnet, wird auch dem Nächsten recht begegnen. Und wer dem Nächsten in der Gesinnung Christi begegnet, lebt zugleich vor Gott. So ist auch unser Leben in der Gnade gegründet. Es wurzelt in den Zusprüchen und der Ausrichtung der Seligpreisungen. In ihnen beschreibt Jesus das Leben derer, die aus der Gnade leben und in der Gemeinschaft mit Ihm stehen. In dieser Gnade sollen wir bleiben. Nur dort wächst ein Leben, das Gott ehrt und dem Menschen dient.
Geistliche Armut – der Anfang des Glaubens
„Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!“ (Mt 5,3). Mit dieser ersten Seligpreisung eröffnet Jesus die Bergpredigt und setzt den Akzent auf eine tiefe Abhängigkeit und Bedürftigkeit. Im Lukasevangelium lautet die Anrede sogar: „Glückselig seid ihr Armen“ (Lk 6,20), während Er Seine eigenen Jünger ansah. Jesus spricht Menschen an, die Ihm nachfolgen. Geistlich arm zu sein bedeutet, mit innerer Zerbrochenheit und einem geistlichen Bankrott zu Gott zu kommen. Es beschreibt keinen geistlich leeren oder gleichgültigen Zustand, sondern ein Herz, das seine eigene Unzulänglichkeit erkennt.
Der geistlich Arme weiß, dass er nichts vorzuweisen hat, womit er bestehen könnte. Er steht vor Gott mit leeren, offenen Händen und hofft auf Seine Barmherzigkeit. Diese Armut ist auch nicht mit materieller Not gleichzusetzen. Reichtum oder Armut im äußeren Sinne sagen noch nichts über den geistlichen Zustand eines Menschen aus. Geistliche Armut meint völlige Abhängigkeit von Gott. Sie bekennt, dass alles, was wir haben, und alles, was wir sind, von Ihm kommt.
Hier beginnt der Glaube
Nicht mit dem Vertrauen auf eigene Stärke, Herkunft, Position oder Fähigkeiten, sondern mit echter Hingabe und dem Vertrauen auf Gott. Wo der Mensch sich selbst für reich hält, wird er leer von Gott weggehen müssen. Wo er meint, genug zu haben, verschließt er sich selbst dem Empfang. Doch dem Hungernden wird Speise gegeben. Wer seine Bedürftigkeit erkennt, dem öffnet Gott die Hand, und dem öffnet sich Gottes herrliches Reich! Diese Wahrheit zeigt sich in der Begebenheit von den zwei Scherflein der Witwe. Jesus legt das Augenmerk auf jene Frau, die aus menschlicher Sicht fast nichts gibt.
Doch Jesus beurteilt nicht die Menge, sondern ihr hingegebenes und bereitwilliges Herz. Sie gab, was sie hatte, und setzte ihr ganzes Vertrauen auf Gott. Mit denselben Augen blickte auch Jesus Seine Jünger an, als Er sagte: „Glückselig seid ihr Armen“. Sie hatten ihre Sicherheiten verlassen. Ihr Leben war völlig auf Jesus Christus ausgerichtet und von Ihm abhängig. Sie vertrauten Seinem Wort, Seiner Führung und Seiner Versorgung. Geistliche Armut ist gelebte Nachfolge.
Das wird auch in Johannes 6 deutlich, als Jesus davon spricht, dass Er das Brot des Lebens ist. Viele empfinden Sein Wort als zu hart und wenden sich von Ihm ab. Doch die Jünger bleiben. Sie bekennen, dass sie keinen anderen Ort haben, an den sie gehen könnten. Ihr Leben hängt an Christus.
Darum gilt die Verheißung den geistlich Armen. Ihnen gehört das Reich. Wer nichts vorzuweisen hat außer seinem Vertrauen auf Christus und sich ganz abhängig weiß von Ihm, dem öffnet sich der ganze Reichtum Gottes. So beginnt ein Leben, das alles von Ihm erwartet.
Geistliche Armut ist gelebte Nachfolge.
Trauer – das zerbrochene Herz vor Gott
Mit der zweiten Seligpreisung „Glückselig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden!“ (Mt 5,4) führt Jesus das Leben im Verhältnis zu Ihm weiter aus. Martin Luther übersetzt treffend: „die
da Leid tragen“. In der Parallelstelle heißt es: „Glückselig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen!“ (Lk 6,21).
Gemeint ist eine Trauer, die tiefer reicht als ein bloßer Schmerz über äußere Umstände. Natürlich ist und bleibt Christus immer unsere Freude. Aber unser Verhältnis zu Ihm besteht in einem gedemütigten und zerschlagenen Herzen. Wahre Gemeinschaft mit Gott wächst nicht aus Selbstzufriedenheit und Selbstmitleid, sondern aus innerer Wahrhaftigkeit und Vertrauen auf Ihn.
Der Prophet Jesaja macht deutlich, worauf Gott tatsächlich sieht: „So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße!Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen? Oder wo ist der Ort, an dem ich ruhen soll? Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der HERR. Ich will aber den ansehen, der demütig und zerbrochenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,1-2). Gott ist der Schöpfer, der Himmel ist Sein Thron und die Erde der Schemel Seiner Füße. Doch dieser große, majestätische und allmächtige Herr richtet Seinen Blick auf solche, die demütigen und zerschlagenen Geistes sind. Trauer ist der Ausdruck eines Herzens, das sich unter Gott beugt.
Diese Trauer kann sich auf verschiedene Art und Weise ausdrücken
Sie zeigt sich im Leid über den eigenen Zustand, wenn wir erkennen, dass wir Gottes Willen nicht entsprechen und oftmals an unserer Berufung scheitern. Sie zeigt sich im Schmerz um Kinder oder nahe Menschen, die leiden, sich verirren oder Gott fern sind. Sie zeigt sich auch in der Trauer über den geistlichen Zustand des Volkes Gottes, wenn der Glaube erkaltet und die brennende Liebe mehr und mehr erlischt.
Doch diese Trauer bleibt nicht ohne Hoffnung. Gott selbst ruft uns zu: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1). Als Jesus in den Tempel gebracht wurde, da wartete Simeon auf den Trost Israels (vgl. Lk 2,25).
Seine Hoffnung richtete sich nicht auf politische Veränderung oder äußeren Frieden, sondern auf die Ankunft des Retters, des Messias. In Christus findet der Trauernde Ruhe für sein Herz und Frieden für seine Seele.
Gott ist trotz Seiner Größe und Erhabenheit kein ferner Beobachter. Er sieht die Tränen Seines Volkes und hat sich vorgenommen, sie selbst abzuwischen. Das wird uns in Offenbarung 21,4 zugesagt.
Sanftmut – Leben in Abhängigkeit von Gott
Die dritte Seligpreisung lautet: „Glückselig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben!“ (Mt 5,5). Andere Übersetzungen sprechen von „stillen Duldern“ oder von denen, „die auf Frieden bedacht sind“. Es ist eine Haltung der Demut und Unterwerfung unter Gott. Sanftmut ist eine innere Ausrichtung und Haltung des Herzens, die im Vertrauen darauf lebt, dass Gott selbst handelt, richtet und rechtfertigt. Der sanftmütige Mensch verzichtet darauf, sich selbst durchzusetzen, weil er weiß, dass sein Leben Gott gehört und in Seiner Hand liegt.
Diese Haltung hat ihr vollkommenes Vorbild in Jesus Christus. Er selbst sagt von sich, dass Er sanftmütig und von Herzen demütig ist, und lädt dazu ein, Sein Joch auf sich zu nehmen (vgl. Mt 11,29-30). Jesus lebte die Abhängigkeit vom Vater vollständig aus, selbst dort, wo Ihn dieser Gehorsam durch Leiden zum Kreuz führt. Sanftmut ist gelebte Abhängigkeit vom Herrn – im Wort und in der Tat.
Gerade in Konflikten besteht der natürliche Mensch oft auf sein Recht, verteidigt sich und sucht seinen eigenen Vorteil. Aber Gott handelt anders. Bei Ihm triumphiert die Barmherzigkeit über das Gericht. Die Sanftmut wird so zu einem Maßstab, der uns zeigt, in welchem Grad wir uns selbst vor Gott gedemütigt haben. Gott möchte, dass wir Ihm nacheifern und lernen, so zu handeln, wie Er handelt.
Ein besonderes Beispiel echter Sanftmut ist Josef
Als seine Brüder vor ihm niederfallen und um ihr Leben fürchten, hätte er allen Grund gehabt, Vergeltung zu üben. Doch er sagt: „Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott“ (1.Mo 50,19; LUT12). Josef erkennt seine Stellung. Er überlässt Gott das Urteil und handelt barmherzig, milde und nachsichtig. Das ist Sanftmut, die aus einer demütigen und gottesfürchtigen Gesinnung entspringt.
Diese Haltung zeigt sich auch bei Mose. Als seine Geschwister ihn angreifen, rechtfertigt er sich nicht. Er verteidigt weder seine Berufung noch seine Ehre. Gott selbst tritt für ihn ein. Die Schrift bezeugt gerade an dieser Stelle, dass er ein sehr sanftmütiger Mann war (vgl. 4.Mo 12,3). Auch als das Volk Israel am Berg Sinai sündigt, zeigt sich Moses sanftmütiges Herz. Gott spricht Mose so an, als wäre es „sein“ Volk, das „er“ aus Ägypten geführt hat (vgl. 2.Mo 32,7). Doch Mose widerspricht nicht, denn er kennt Gott. Sanftmütig tritt er für das Volk in Fürbitte vor Gott ein.
Ein weiteres Beispiel ist Abraham bei der Trennung von seinem Neffen Lot. Als Streit zwischen den Hirten der beiden entsteht, sucht Abraham nicht sein Recht, sondern den Frieden (vgl. 1.Mo 13,8-9). Er ist bereit, sich benachteiligen zu lassen, und der Herr verheißt ihm das ganze Land (vgl. 1.Mo 13,15). Tatsächlich besaß Abraham zu seinen Lebzeiten aber nicht einmal einen Fußbreit davon, sondern nur eine Grabstätte. Doch sein Blick reicht weiter. Nach dem Zeugnis des Hebräerbriefes wartete er auf eine Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott selbst ist, und trachtete nach einem besseren, himmlischen Vaterland (vgl. Hebr 11,8-10; 11,13-16).
Darum sind die Sanftmütigen glückselig. Sie klammern sich nicht an das Vergängliche, sondern leben unter Gott aus der Hoffnung auf die Ewigkeit.
Wahre Glückseligkeit des Menschen liegt in seiner Rettung durch Gott.
Hunger nach Gerechtigkeit – Verlangen nach Gottes Willen
Mit der vierten Seligpreisung spricht Jesus die Menschen glückselig, die ein inneres und tiefes Verlangen danach haben, den Willen Gottes zu erfüllen: „Glückselig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen satt werden!“ (Mt 5,6). Es geht nicht um ein gelegentliches, spontanes und impulsives Interesse, sondern um einen echten Hunger und Durst, der das ganze Leben umfasst. Jesus selbst sagt von sich: „Meine Speise ist die, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34). Für Ihn war der Gehorsam gegenüber dem Vater nicht Last, sondern Nahrung.
Auffällig ist, dass die Gerechtigkeit hier erst an vierter Stelle genannt wird
Nach dem Gesetz müsste sie eigentlich an erster Stelle stehen. Doch das Ausüben der Gerechtigkeit nach eigenem Verständnis und aus eigener Kraft heraus wird immer scheitern. Unsere eigene Gerechtigkeit ist, wie der Prophet Jesaja treffend sagt, wie ein beflecktes Kleid (vgl. Jes 64,5). Sie trägt den Makel unserer sündigen Natur, den Stolz des eigenen Ichs und den verzweifelten Versuch, sich selbst zu behaupten. Wahre Gerechtigkeit kann nicht aus dem alten Menschen hervorgehen.
Doch wenn wir erkennen, dass wir geistlich bankrott sind, wenn unser Herz gedemütigt ist und wir in allen Worten und Werken von Gott abhängig sein wollen, dann wächst in uns ein anderer Hunger. Es ist das Verlangen, richtig vor Gott zu stehen und nach Seinem Willen zu leben. Der, der gerecht macht, ist Gott selbst, nicht nach unserer Gerechtigkeit, sondern aufgrund Seiner Gnade, die uns in Jesus Christus geschenkt ist. Gott selbst schenkt uns zunächst, was Er fordert.
Diese Tatsache bewirkt etwas Wunderbares in unserem Umgang mit anderen Menschen
Wenn wir verstehen, dass wir nicht aus unserer eigenen Gerechtigkeit heraus leben, sondern aus empfangener Gnade, macht uns das mitfühlend und barmherzig anderen Menschen gegenüber. Der Hebräerbrief zeigt uns, dass der Hohepriester Verständnis für die Unwissenden und Irrenden hat, weil er um seine eigene Schwachheit und Unzulänglichkeit weiß (vgl. Hebr 5,1-3).
Das neutestamentliche Verständnis von Gerechtigkeit gründet daher in einem hungernden, alles von Gott erwartenden Glauben. Es ist das Verlangen nach Gottes Maßstab und Gottes Wirken. Und wo dieser Glaube lebt, dort ist der Sieg, der die Welt überwindet (vgl. 1.Joh 5,4). Nicht unsere eigene Gerechtigkeit, sondern das Vertrauen auf Gottes Gnade und das ernsthafte Verlangen nach einem gottesfürchtigen, abhängigen und gerechten Leben bringt der Seele bleibende Sättigung.
Barmherzigkeit – die Frucht empfangener Gnade
Mit einem Fundament, das durch die ersten vier Seligpreisungen gelegt ist, zeigt Jesus die Frucht, die im Herzen entsteht, wenn das Leben durch die Gnade geprägt ist. Er verheißt: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ (Mt 5,7). Wenn ein Mensch seine geistliche Armut erkennt, sich unter Gott beugt und nach Seiner Gerechtigkeit hungert, dann wird sein Leben nicht hart und abweisend, sondern barmherzig und milde.
Barmherzigkeit wächst als Frucht dort, wo wir verstehen, dass Gott uns vergeben hat. Der, der sich selbst für gerecht hält, wird andere mit kalter Strenge beurteilen. Doch wer weiß, dass er allein aus der Gnade lebt, kann nicht mehr unbarmherzig handeln. Einem solchen geht es nicht nur um äußere Frömmigkeit, sondern um eine aufrichtige Reinheit des Herzens.
Barmherzigkeit bedeutet, mitzufühlen, zu vergeben und Geduld zu üben
Sie beugt sich herab und hilft dem, der Hilfe benötigt. Sie verzichtet darauf, das letzte Wort zu behalten, und ist bereit, die Last des anderen mitzutragen. Jakobus ermahnt ernst: „Denn das Gericht wird unbarmherzig ergehen über den, der keine Barmherzigkeit geübt hat; die Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.“ (Jak 2,13). Wer aus der Barmherzigkeit Gottes lebt, wird sie unbedingt weitergeben und auch wieder empfangen.
Reinheit des Herzens – Leben im Licht Gottes
Manche Menschen orientieren sich in der Gemeinde daran, nicht schlimmer zu sein als andere. Wenn man sie anspricht, verteidigen sie sich abwehrend: „Bin ich denn der Schlimmste hier?“ Doch so misst Gott nicht. Der Maßstab ist nicht der Mitmensch, sondern Gott selbst. Gewisse Dinge müssen angesprochen werden, wenn sie falsch sind, nicht um zu verurteilen, sondern um zur Reinheit zu führen.
Jesus sagt in der sechsten Seligpreisung: „Glückselig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“ (Mt 5,8).
Der Wunsch nach einem reinen Herzen orientiert sich nicht an Menschen, sondern an dem Ziel, Gott zu schauen. Darum reinigen wir unser Herz durch das Blut Christi und werden durch den Heiligen Geist geheiligt. Es geht darum, ein reines Herz in den Augen Gottes zu haben.
Reinheit ist mehr als das Entfernen einzelner Verfehlungen
Sie ist nicht nur wie das Säubern eines Zimmers, in dem man den Schmutz zusammenkehrt. Ein Pianist wird nicht dadurch gut, dass er falsche Töne vermeidet, sondern indem er lernt, das Richtige zu spielen. Die Reinheit des Herzens ist davon abhängig, wie wir auf das Wort Gottes reagieren. Jesus sagt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“ (Joh 15,3).
Wer das Wort hört und tut, dessen Herz wird geformt. Diese Beziehung zu Christus eröffnet die Verheißung, Gott zu schauen. In der Offenbarung wird uns ein wunderbares Bild beschrieben: „Und einer von den Ältesten ergriff das Wort und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit weißen Kleidern bekleidet sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Herr, du weißt es! Und er sprach zu mir: Das sind die, welche aus der großen Drangsal kommen; und sie haben ihre Kleider gewaschen, und sie haben ihre Kleider weiß gemacht in dem Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt aufschlagen über ihnen“ (Off 7,13-15). Sie haben ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen. Ihre Reinheit ist Frucht der Erlösung und der beständigen Gemeinschaft mit Ihm.
Darum gilt das Wort aus Sprüche 4,23 insbesondere uns: „Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus“. Unser Verhältnis zu Christus und ein reines Herz werden unseren Dienst prägen. Je näher wir mit Gott leben, desto hilfreicher können wir anderen dienen und sie auf Christus hinweisen.
Wer weiß, dass er allein aus der Gnade lebt, kann nicht mehr unbarmherzig handeln.
Friedfertigkeit – Leben aus Gottes Frieden
„Glückselig sind die Friedfertigen, denn sie werden Söhne Gottes heißen!“ (Mt 5,9).
Diese Seligpreisung spiegelt uns Gottes Wesen wider. Wir sind nicht durch gute Werke zu Söhnen Gottes geworden, sondern allein aufgrund Seiner Barmherzigkeit. Christus ist unser Friede! In Ihm hat Gott Versöhnung geschaffen zwischen Sich und uns und ermöglicht uns ein Leben in Gnade.
Wer diesen Frieden empfangen hat, wird selbst zum Friedenstifter. Es ist nicht mehr möglich, leichtfertig Streit zu nähren oder Zwietracht zu säen. Der Friede, den Christus geschenkt hat, ist zu kostbar, um ihn einfach wieder preiszugeben. Darum ermahnt uns der Hebräerbrief: „Jagt nach dem Frieden mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird!“ (Hebr 12,14). Der Aufruf ist klar: Jagt dem Frieden mit jedermann nach, das heißt, legt allen Fleiß daran, bemüht euch ernsthaft darum – und jagt der Heiligung nach, ohne die niemand den Herrn sehen wird! Friede entsteht nicht zufällig, sondern muss ernsthaft gesucht und gestiftet werden.
Dabei stehen drei Beziehungen des Friedens in enger Verbindung zueinander: der innere Friede im Herzen, der Friede mit dem Nächsten und der Friede mit Gott. Ist unser Inneres unruhig und aufgewühlt, wird sich das im Umgang mit anderen zeigen. Ist dann unser Verhältnis zum Mitmenschen von Bitterkeit und Streit geprägt, leidet auch die Gemeinschaft mit Gott. Auf der anderen Seite gebiert der Friede mit Gott auch innere Ruhe und Frieden in unserem Herzen und macht uns zu Friedenstiftern.
Frieden zu suchen bedeutet jedoch nicht, die Wahrheit aufzugeben. Jakobus sagt uns, dass „die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden denen gesät wird, die Frieden stiften“ (vgl. Jak 3,18). Wir können aber manchmal so für die Wahrheit sprechen, dass wir dabei sündigen, wenn uns Härte und Lieblosigkeit bestimmen. Für die Wahrheit muss gekämpft und für sie muss eingestanden werden. Doch darf sie niemals auf Kosten der Liebe verteidigt werden, ebenso wenig wie die Liebe auf Kosten der Wahrheit bewahrt werden darf. Das verlangt stetige Wachsamkeit über das eigene Herz.
Friedfertige Menschen spiegeln den Charakter ihres Vaters im Himmel wider. Sie leben aus dem Frieden Christi und tragen ihn weiter. Gerade darin erweist sich ihre Sohnschaft.
Verfolgung – die Konsequenz echter Nachfolge
Mit dieser letzten Seligpreisung nimmt uns Jesus jede falsche Erwartung von einem Leben in der Gnade: „Glückselig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Reich der Himmel!“ (Mt 5,10). Manchmal meinen wir, wenn wir nur treu, gütig und liebevoll sind, werde es keinen Widerstand geben, und wir werden von allen geliebt werden. Doch das ist ein Irrtum. Wenn das so wäre, dann müsste Jesus selbst von allen am meisten geliebt werden. Doch stattdessen wurde Er verworfen. Die Menschen lehnten nicht nur Seine Worte ab, sondern Ihn selbst.
Ein Leben in der Gnade Gottes, das sich an Gottes Gerechtigkeit orientiert, wird früher oder später auf Widerstand stoßen (vgl. 2.Tim 3,12), vor allem, weil es den Gegensatz zwischen Licht und Finsternis sichtbar macht und das Gewissen der Menschen sensibilisiert. Doch die Antwort des Christen darauf ist nicht Bitterkeit oder Vergeltung.
Wir sind berufen, selbst in der Verfolgung in der Liebe zu bleiben
So wie Jesus spricht auch Jakobus diejenigen glückselig, die erdulden, ertragen, treu bleiben und sich bewähren: „Glückselig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben“ (Jak 1,12). Dietrich Bonhoeffer sagte einmal: „Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge).
Wer um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird und leidet, der gehört zum Reich Gottes. Und dieses Reich kann durch keine Verfolgung, durch keine Macht und Autorität dieser Welt zunichtegemacht werden.
Diese acht Seligpreisungen sind die Lehre des Herrn Jesus Christus vom geistlichen Leben in der Gnade. Die ersten vier Seligpreisungen legen den geistlichen Grund eines bekehrten Christen. Wenn wir völlige Abhängigkeit von Gott suchen und unser Verhältnis zu Ihm in einem gedemütigten und zerschlagenen Herzen aufbauen, dann wird unser Verhalten zu unserem Nächsten in Sanftmut sein und Gottes Gerechtigkeit unser Leben bestimmen. Aus einem solchen Menschen werden Barmherzigkeit hervorgehen, Reinheit des Herzens seine Frucht sein, der Friede Gottes die Ausstrahlung seines Antlitzes und die Bedrängnis um Jesu Christi willen seine Freude werden.
Heinrich Melling
Gemeinde Bremen-Mahndorf