Schlafwandler oder Wächter?

/, Ausgabe 3 | 2020/Schlafwandler oder Wächter?
  • Geistliche Schlafwandler merken nicht, in welch großer Gefahr ihre Seele schwebt. Bildquelle © AdobeStock_251971507

Schlafwandler oder Wächter?

2020-09-25T13:06:35+00:0012. September 2020|

 „Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife; denn ihr alle seid Söhne des Lichtes und Söhne des Tages; wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Also lasst uns nun nicht schlafen wie die Übrigen, sondern wachen und nüchtern sein! Denn die da schlafen, schlafen bei Nacht, und die da betrunken sind, sind bei Nacht betrunken. Wir aber, die dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, bekleidet mit dem Brustpanzer des Glaubens und der Liebe und als Helm mit der Hoffnung des Heils. Denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Erlangen des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben. Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr auch tut!“ (1.Thess 5,4-11).

Im Jahr 2012 veröffentlichte der australische Historiker Christopher Clark ein Buch, das die Kassen der Verlage zum Klingeln bringen sollte: Die Schlafwandler – Wie Europa 1914 in den ersten Weltkrieg zog. Seit Verkaufsbeginn 2012 bis zum Mai 2014 wurde dieses große historische Werk in einer gewaltigen Auflage von circa 200.000 Exemplaren verkauft, und insbesondere auf dem deutschen Buchmarkt brachte dieses umfangreich geschriebene Buch große Verkaufserfolge ein.[1] In ihm legt der Historiker seine Sicht auf die Ereignisse vor 1914 dar, die zum Ausbruch des ersten Weltkrieges führten.

Ein Journalist der Zeitung Sunday Times, Dominic Sandbrook, bewertete dieses Buch mit folgender Aussage: „Für Clark waren die Staatsmänner von 1914 ‚Schlafwandler‘, blind für die Realität des Horrors, den sie im Begriff waren, in die Welt zu bringen.“ [2] Und in der Tat: Was in den Jahren 1914 bis 1918 geschah, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Kaum ein anderes Thema füllt in gleicher Art und Weise ganze Bücherregale, wurde so oft diskutiert und besprochen, dokumentiert und aufgearbeitet. Mit 9,5 Millionen toten Soldaten, 6 Millionen toten Zivilisten und 63 Millionen Männern, die als Soldaten die Waffe trugen, war er der blutigste Konflikt, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte.[3] Dutzende Länder waren beteiligt, unzähliges Leid, Hunger, verwaiste Kinder, verwitwete Frauen und unsichtbare, doch schmerzende seelische Wunden hinterließ er. Doch was hat dies alles mit der Wiederkunft Jesu zu tun, und wenn, was ist es dann?

 

In seinem ersten Brief an die Thessalonicher widmet sich der Apostel Paulus dem Thema der Wiederkunft Jesu. Er macht sich Sorgen um die junge Gemeinde, die er kurz nach der Gründung auf der zweiten Missionsreise zusammen mit seinem Mitarbeiter Silas wegen der Bedrängnis und eines großen Aufruhrs verlassen musste (vgl. Apg 17,1-10). Die junge, doch im Glauben und der Liebe sehr vorbildhafte Gemeinde in Thessalonich, einer Hafenstadt im damaligen Mazedonien, steht vor Herausforderungen: Auf der einen Seite Verfolgungen und Bedrängnisse, auf der anderen Seite sind sie in ihrem Glauben noch in mancherlei Hinsicht wankend, sodass Paulus schreibt: „Denn was für Dank können wir Gott euretwegen abstatten für all die Freude, womit wir uns euretwegen freuen vor unserem Gott; wobei wir Nacht und Tag aufs Inständigste bitten, euer Angesicht zu sehen und das zu vollenden, was an eurem Glauben mangelt?“ (1.Thess 3,9-10).

Es geht deutlich hervor, dass das Wort Gottes uns, den auf der Erde lebenden Christen, in Bezug auf das Kommen Jesu vor allem eines ans Herz legen will: Wachsamkeit.

Scheinbar war eins der Themen, das die Thessalonicher verunsicherte, die Wiederkunft Jesu: Paulus kommt in seinem ersten Brief ungefähr acht Mal darauf zu sprechen und widmet auch den zweiten Brief an sie zu einem großen Teil diesem Anliegen.

Nicht nur dies, Paulus weist auf die Wichtigkeit dieses Briefes und seine Botschaft hin und gebietet mit strengen Worten: „Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass der Brief allen Brüdern vorgelesen werde.“ (1.Thess 5,27). Anscheinend war das Thema der Wiederkunft des Herrn für die Thessalonicher in Paulus Augen so wichtig, dass er darauf bestand, dass alle Brüder in der Gemeinde der Thessalonicher den Brief zu Ohren kriegen sollten.

Also erklärt Paulus ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen über diejenigen, die bereits vor Jesu Wiederkunft gestorben sind (vgl. 1.Thess 4,13-18). Vielmehr werden die Toten in Christus bei Seiner Wiederkunft zuerst auferstehen und dann sowohl sie als auch die zu dem Zeitpunkt Lebenden miteinander „entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft“ (1.Thess 4,17).

 

Nun kommen wir zum Abschnitt unserer Betrachtung: 1.Thessalonicher 5,4-11 (siehe eingangs zitierte Verse). Der Zeitpunkt des Kommens des Herrn Jesus Christus ist uns nicht bekannt (Verse 1-3). Vielmehr verhält es sich mit ihm wie mit einem Dieb, der bei Nacht kommt, um zu stehlen.

Daher müssen die Kinder Gottes, wiedergeborene Christen, vor allem wachen, nüchtern sein, Glauben, Liebe und Hoffnung des Heils in sich haben (Verse 4-8). Der Grund dafür: Gott hat uns zur Rettung durch Seinen Sohn Jesus Christus bestimmt (Verse 9-10). Dies gilt es nun, durch die Entscheidungen des eigenen, freien Willens – Unwachsamkeit, Trägheit im geistlichen Kampf – nicht zunichte zu machen. Denn das Wort sagt deutlich, dass wir bei der Ankunft des Herrn untadelig in Heiligkeit sein sollen vor unserem Gott und Vater (vgl. 1.Thess 3,13). Paulus greift denselben wichtigen Gedanken noch einmal auf und sagt in den letzten Versen des Briefes: „Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!“ (1.Thess 5,23).

Es geht deutlich hervor, dass das Wort Gottes uns, den auf der Erde lebenden Christen, in Bezug auf das Kommen Jesu vor allem eines ans Herz legen will: Wachsamkeit.

Zu wachen heißt: fest im Glauben zu stehen, sich des Heils in Jesus sicher zu sein, auf die Gerechtigkeit Christi zu vertrauen, das Wort Gottes bleibend in sich zu haben und in der Bereitschaft zu stehen, das rettende Evangelium stets zu verkündigen.

 

„Ihr […] seid Söhne des Lichtes“ (1.Thess 5,5) 

Wir sind Christen. Wiedergeborene Kinder Gottes. Unsere geistliche Abstammung hat in Christus einen gewaltigen Wechsel erfahren. Wir sind nun Söhne des Lichtes, Söhne des Tages. Nachfolger, die vom „Lichtglanz des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus“ (2.Kor 4,4) erleuchtet worden sind: „Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts – denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit -, indem ihr prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist. Und habt nichts gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern stellt sie vielmehr bloß!“ (Eph 5,8-11). Ein Sohn des Lichtes zu sein, heißt, Kind Gottes zu sein. Licht und Finsternis haben keine Gemeinschaft.

 

 „Lasst uns nun […] wachen und nüchtern sein!“ (1.Thess 5,6)

Wenn es heißt, dass wir wachen und nüchtern sein sollen, kann man nach dem Wie und Warum fragen.

Zum einen gibt uns das Wort Gottes an anderer Stelle die Antwort auf das Warum: „Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen Mächte der Bosheit in der Himmelswelt. Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes…“ (Eph 6,12-13a). Hier finden wir auch die zweite Antwort auf das Wie: indem wir die ganze Waffenrüstung Gottes ergreifen. Wie könnten wir es auch unterlassen, in einem Kampf zu wachen? Zu wachen hieße demnach: fest im Glauben zu stehen, sich des Heils in Jesus sicher zu sein, auf die Gerechtigkeit Christi zu vertrauen, das Wort Gottes bleibend in sich zu haben und in der Bereitschaft zu stehen, das rettende Evangelium stets zu verkündigen.

Matthew Henry schrieb in seinem Bibelkommentar hierzu einmal folgenden guten Satz: „Wir werden nicht nüchtern bleiben, wenn wir nicht wachen, und wenn wir nicht nüchtern bleiben, werden wir nicht lange wachen.“

Zum anderen schreibt Paulus im Thessalonicher-Brief, dass wir in Heiligung stehen sollen, weil Gott uns hierzu berufen hat: „Denn dies ist Gottes Wille: eure Heiligung […]. Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern in Heiligung.“ (1.Thess 4,3a.7).

Dieses Wachsam- und Nüchternsein hat Jesus selbst in Seinen Gleichnissen über die Endzeit eindringlich hervorgehoben, als er sagte: „So wacht nun! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ (Mt 25,13).

Aber wie kann ich denn erkennen, ob ich in einem Zustand der Nüchternheit bin? Hier gibt uns das Wort Gottes wundervolle Ratschläge an die Hand, uns selbst zu prüfen: „Wer sagt, dass er im Licht sei, und hasst seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt.“ (1.Joh 2,9).

Lasst uns Wächter sein, die sehnsüchtig auf das Kommen des Sohnes Gottes wie auf die milden und süßen Strahlen der Morgensonne warten.

Lasst uns nicht geistliche Schlafwandler sein, sondern wachsam und nüchtern. Schlafwandler sind sich der enormen Gefahr nicht bewusst, der sie ausgesetzt sind.

 

„Denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt“ (1.Thess 5,9)

Gottes Absicht ist es, uns durch Seinen Sohn Jesus Christus zu retten. Weil Er es so ernst mit uns meint, sollen wir es mit unserer Wachsamkeit ebenso ernst meinen.

Nun wollen wir einmal zurückkommen auf das Einleitungswort:

Wenn die Handlungen, Entscheidungen und Haltungen der Staatsmänner von 1914 in unserer sichtbaren, physischen Welt so gewaltige zeitliche Konsequenzen hatten, wie viel mehr kann dann unser Handeln in der geistlichen Welt unverhältnismäßig gewaltigere, ewige Konsequenzen haben? Lasst uns nicht geistliche Schlafwandler sein, sondern wachsam und nüchtern. Schlafwandler sind sich der enormen Gefahr nicht bewusst, der sie ausgesetzt sind. Man sagt sich, dass es für einen Schlafwandler das Beste sei, ihn Stück für Stück zu seinem Schlafplatz zurückzulenken, bis er sich wieder schlafen legt, und die Gefahr der Selbst- und Fremdgefährdung somit zum Erliegen kommt. „Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr auch tut!“ (1.Thess 5,11).

 

Daniel Asmus
Gemeinde Bielefeld

 

Alle Bibelzitate in diesem Text sind der Elberfelder Übersetzung entnommen.

 

Quellenangaben:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schlafwandler_(Sachbuch) ; Datum des letzten Zugriffs: 10.04.2020; Datum der Erstellung der Seite aktuell: 04.06.2020

[2] The Sleepwalkers: How Europe went to war in 1914; Christopher Clark; Allan Lane 2012, Penguin Books 2013

[3] https://www.welt.de/geschichte/article183581324/Wie-viele-Tote-Die-blutige-Bilanz-des-Ersten-Weltkriegs.html; Datum des letzten Zugriffs: 10./11.04.2020; Datum der Erstellung der Seite: 11.11.2018 (Veröffentlichung des Artikels)

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