Wie denkst du über Gott?

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Wie denkst du über Gott?

2023-11-30T14:17:56+01:0030. November 2023|

Die niedrige Gottesvorstellung, die heute unter den Christen beinahe überall zu finden ist, ist auch die Grundlage für zahlreiche kleinere und weit verbreitete Übel. Dieser eine Irrtum in unserem religiösen Denken führt zu einer vollständig neuen Konzeption unseres christlichen Lebens.

 

Mit dem Verlust des Majestätsbegriffs verlieren wir auch das Bewusstsein für Gottes Gegenwart und die Ehrfurcht vor Ihm. Wir haben den Geist der Anbetung und die Fähigkeit, uns innerlich zu sammeln und Gott in anbetungsvollem Schweigen zu begegnen, verloren. Das moderne Christentum bringt einfach keine Christen mehr hervor, die das Leben im Geist richtig zu schätzen wissen oder persönlich erfahren. Das Wort „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Ps 46,11) bedeutet dem betriebsamen Gläubigen von heute nicht mehr viel.

Dieser Verlust der Vorstellung von Gottes Majestät ist ausgerechnet zu einem Zeitpunkt eingetreten, an dem religiöse Mächte aufsehenerregende Erfolge erzielten und die Kirchen ganz neu aufblühten. Das Erschreckende dabei ist, dass unsere Erfolge größtenteils äußerer Art und unsere Verluste ausschließlich innerlich sind. Aber gerade, weil die Qualität unseres Glaubens vom inneren Zustand abhängig ist, könnten sich unsere vermeintlichen Erfolge in Wahrheit als tiefgehende Verluste erweisen.

Das, was uns geistlich verlorengegangen ist, können wir nur dadurch wieder erlangen, dass wir die Ursachen aufdecken und nötige Korrekturen vornehmen. Unsere Schwierigkeiten haben damit begonnen, dass wir die Erkenntnis des heiligen Gottes verloren haben und wir werden diese Schwierigkeiten auch nur durch eine Wiederentdeckung der Majestät Gottes loswerden. Solange unsere Vorstellungen von Gott falsch oder unangemessen sind, ist es unmöglich, unser Verhalten und unsere innere Einstellung gesund zu erhalten. Wenn unser Leben wieder geistliche Kraft bekommen soll, müssen wir damit beginnen, so über Gott zu denken, wie Er in Wirklichkeit ist.

 

Taten sind Ausdruck der Gotteserkenntnis

Eines Tages wird es wohl offenbar werden, dass ein Volk immer auf dem Niveau geblieben ist, auf dem auch seine Religion war und die menschliche Geistesgeschichte wird gewiss zeigen, dass keine Religion je größer gewesen ist, als auch ihre Gottesvorstellung es war. Die Gottesverehrung steht auf hohem oder auf niedrigem Niveau, je nachdem ob der Gläubige hohe oder niedrige Vorstellungen von Gott hat. Deshalb ist die Gottesvorstellung selbst immer die entscheidendste Frage für eine Gemeinde und ebenso ist bei einem Menschen nicht das, was er in einem bestimmten Moment sagt oder tut, das Bedeutsamste, sondern seine Auffassung von Gott.

Aufgrund eines verborgenen Gesetzes der Seele neigen wir dazu, unserem geistigen Gottesbild nachzustreben. Das trifft nicht nur auf den einzelnen Gläubigen zu, sondern auch auf die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gemeinde. Das Aufschlussreichste an einer Gemeinde ist stets ihre Vorstellung von Gott und ihre Botschaft ist gekennzeichnet von dem, was sie über Gott sagt oder verschweigt – und manchmal ist das Schweigen beredter als alles Reden. Nie kann eine Gemeinde verhindern, dass ihr Gottesbild enthüllt wird.

Wäre es möglich, von irgendeinem Menschen eine umfassende Antwort auf die Frage zu bekommen, was ihm beim Gedanken an Gott durch den Kopf geht, so könnten wir mit Sicherheit die geistliche Zukunft dieses Menschen voraussagen. Wäre uns bekannt, was die einflussreichen und maßgebenden Persönlichkeiten des religiösen Lebens heute von Gott denken, so könnten wir mit einiger Genauigkeit voraussehen, wo die Gemeinde morgen stehen wird.

 

Nur durch eine schmerzhafte Selbstprüfung können wir herauszufinden, was wir im tiefsten Grunde über Gott denken.

 

Richtige Gotteserkenntnis ist grundlegend für den Glauben

Ohne Zweifel ist der größte Gedanke, dessen der menschliche Geist fähig ist, der Gottesgedanke und das bedeutendste Wort jeder Sprache ist ihr Ausdruck für Gott. Denken und sprechen sind Gaben, die Gott den nach Seinem Bilde gestalteten Geschöpfen gibt. Beide sind eng und unauflöslich mit Ihm verbunden. Es ist höchst bedeutsam, dass das erste Wort das Wort war: „Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Wir können reden, weil Gott redet. In Ihm sind Wort und Gedanke nicht voneinander zu trennen.

Es ist für uns von größter Wichtigkeit, dass unsere Gottesvorstellung so nahe wie möglich an das wahre Wesen Gottes heranreicht. Verglichen mit dem, was wir wirklich über Gott denken, sind Bekenntnisse unseres Glaubens von geringerer Bedeutung. Unsere eigentliche Gottesvorstellung kann unter dem Schutt landläufiger religiöser Auffassungen vergraben liegen und es bedarf einer wohlüberlegten und entschlossenen Suche, damit sie schließlich ausgegraben und erkennbar gemacht werden kann. Nur durch eine schmerzhafte Selbstprüfung ergibt sich für uns die Möglichkeit, herauszufinden, was wir im tiefsten Grunde über Gott denken.

Eine richtige Gottesvorstellung ist nicht nur die Grundlage für die systematische Theologie, sondern auch für das praktische Glaubensleben. Sie ist das Fundament des Gottesdienstes. Ist es zu klein oder falsch gebaut, so muss das ganze Gebäude früher oder später zusammenstürzen. Ich glaube kaum, dass es irgendwelche Irrtümer in der Lehre oder Versagen im praktischen Christenleben gibt, die nicht letzten Endes alle auf unvollkommene und niedrige Gottesvorstellungen zurückgeführt werden können.

Meiner Meinung nach ist die Auffassung der heutigen Christen von Gott so dekadent, dass sie in keiner Weise der Würde Gottes, des Allerhöchsten, entspricht. Dass dies auch bei ernsthaften Gläubigen so ist, ist beinahe so etwas wie eine moralische Katastrophe.

 

Richtige Gotteserkenntnis lenkt den Blick auf das Ewige

Würde man uns auf einen Schlag mit allen Problemen des Himmels und der Erde konfrontieren, so wären diese unerheblich, verglichen mit der alles überragenden Frage nach Gott: Seiner Existenz, Seinem Wesen und den Aufgaben, die wir als sittliche Wesen Ihm gegenüber haben. Wer zum richtigen Gottesglauben gelangt, wird eine Menge irdischer Probleme los, denn er erkennt sofort, dass diese durch Dinge entstehen, die ihn höchstens noch für eine kurze Zeit beschäftigen. Doch auch wenn die zahlreichen irdischen Probleme von ihm genommen wären, so würde an deren Stelle die mächtige Bürde der Ewigkeit auf ihm zu lasten beginnen und zwar viel schwerer als alle Nöte der Welt vereint.

Diese mächtige Bürde ist eine Verpflichtung Gott gegenüber. Sie beinhaltet die lebenslängliche Pflicht, Gott mit allen Kräften des Geistes und der Seele zu lieben, Ihm völlig gehorsam zu sein und Ihn anzubeten, wie es Ihm gebührt. Wenn das unruhige Gewissen dem Menschen sagt, dass er nichts von alledem getan hat, sondern sich seit seiner Kindheit der schändlichen Auflehnung gegen die Majestät des Himmels schuldig gemacht hat, so kann die innere Selbstanklage unerträglich werden.

Das Evangelium vermag die Seele von dieser zerstörerischen Last zu befreien und den bedrückten Geist gegen Lobpreis auszutauschen. Solange jedoch der Mensch die Schwere dieser Last nicht verspürt, bedeutet ihm auch das Evangelium nichts. Und bevor er nicht die Erhabenheit und Größe Gottes erkannt hat, wird es für ihn keine innere Not geben. Für den, der eine niedrige Auffassung von Gott hat, ist das Evangelium wirkungslos.

 

Falsche Gotteserkenntnis führt zu Götzendienst

Kaum eine Sünde, zu der das menschliche Herz fähig ist, ist Gott mehr ein Gräuel als der Götzendienst; denn er ist eine Beleidigung Gottes. Das götzendienerische Herz setzt voraus, dass Gott anders ist, als Er ist – schon dies ist eine ungeheure Sünde –, und ersetzt den wahren Gott durch einen, der der eigenen Vorstellung entspricht. Dieser Gott ist stets ein Abbild seines Schöpfers und wird gemein oder rein, grausam oder gütig sein – je nach der moralischen Verfassung des Geistes, dem er entsprungen ist.

Ein Gott, der in einem finsteren Herzen eines gefallenen Menschen geboren wurde, wird niemals echte Ähnlichkeit mit dem wahren Gott aufweisen. „Da meintest du“, sagt der Herr im Psalm zum Gottlosen, „ich sei gleich wie du“ (Ps 50,21). Dies ist zweifellos eine ernstzunehmende Beleidigung des Allerhöchsten, dem die Cherubim und Seraphim unaufhörlich zurufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der allmächtige Gott!“ (Jes 6,3).

Geben wir acht, dass wir in unserem Stolz nicht der irrigen Meinung verfallen, nur das sei Götzendienst, wenn man vor Gegenständen niederkniet und sie anbetet und darum gäbe es ihn bei zivilisierten Völkern nicht! Das Wesen des Götzendienstes besteht im Festhalten an Gottesvorstellungen, die Gottes unwürdig sind. Er nimmt seinen Anfang im menschlichen Geist und kann auch dort vorhanden sein, wo er sich nicht in äußeren religiösen Handlungen zeigt. „Denn obgleich sie Gott erkannten“, schreibt Paulus, „haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert“ (Röm 1,21).

Dann folgte die Anbetung von Götzen in der Gestalt von Menschen, Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren. Diese ganze Reihe entwürdigender Taten hat ihren Ursprung im Geist des Menschen. Verkehrte Gottesvorstellungen sind nicht nur die Quelle, aus der das verseuchte Wasser des Götzendienstes fließt, sondern sie sind selbst Götzendienst. Der Götzendiener macht sich seine eigenen Vorstellungen von Gott und handelt, als seien sie wahr.

 

Falsche Gotteserkenntnis führt zu geistlichem Niedergang

Wo in einer Religion verdrehte Ansichten über Gott auftreten, führen sie bald zu deren Niedergang. Die lange Geschichte Israels zeigt dies deutlich genug und auch die Geschichte der Gemeinde Jesu beweist es. Eine erhabene Gottesvorstellung ist für die Gemeinde unbedingt notwendig; sinkt dieses Gottesbild auch nur ein wenig ab, so hat dies unweigerlich negative Auswirkungen auf den Gottesdienst und die sittlichen Maßstäbe der Gemeinde. Der erste Schritt einer Gemeinde auf dem Weg nach unten ist immer dann getan, wenn sie ihre hohe Gottesvorstellung aufgibt.

Dem Niedergang einer christlichen Gemeinde geht in der Regel eine Aufweichung der theologischen Grundlagen voraus. Auf die Frage: „Wie ist Gott?“ gibt sie eine falsche Antwort und hieraus folgen alle weiteren Schritte. Auch wenn sie noch an ihrem theoretischen Glaubensbekenntnis festhält, so wird dies doch nicht mehr in die Praxis umgesetzt. Die Anhänger dieser Gemeinden machen sich so ein Bild von Gott, das nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat und das bedeutet Irrlehre der heimtückischsten und tödlichsten Art.

Die schwerwiegendste Aufgabe, die der Gemeinde heute gestellt wird, ist, ihre Gottesvorstellung so zu reinigen und aufzuwerten, dass sie Gottes wieder würdig ist. Das sollte in allem Beten und Wirken an erster Stelle stehen. Den größten Dienst erweisen wir der nachkommenden Generation von Gläubigen, indem wir immer die erhabene Gottesvorstellung, die wir von unseren jüdischen und christlichen Vorfahren bezeugt bekommen haben, unverändert weitergeben. Das wird sich für sie als von größerem Wert erweisen als das, was Kunst oder Wissenschaft zu ersinnen vermögen.

 

A.W. Tozer (1897 – 1963)

Aus „Das Wesen Gottes – Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben“, aus dem Vorwort und dem Kapitel „Es ist wichtig, sich Gott richtig vorzustellen!“, hänssler Verlag